Freiheit beginnt dort, wo Routinen enden

🕓 Lesezeit circa 5 Minuten

Die meisten Menschen schauen mich verdutzt an, wenn sie erfahren, dass ich auf den Kanaren lebe. Und dann kommen meistens Sätze wie: „Wirklich? Das ist cool!“. Oder: „Wow, Du wohnst ja echt im Paradies!“. Und jedes Mal denke ich: „Ja, das stimmt! Ich wohne im Paradies. Und habe mir dieses Paradies selbst ausgesucht.“

Nach fast zwanzig Jahren auf den Inseln hat dieser Gedanke für mich nichts von seiner Wahrheit verloren. Die Kanaren sind ein außergewöhnlicher Ort zum Leben. Das Klima, das Meer, die Landschaften, die wundervollen Menschen. Es gibt definitiv schlechtere Orte, um morgens aufzuwachen. Und trotzdem verspüre ich von Zeit zu Zeit den Wunsch, ein neues Abenteuer zu beginnen. Den Alltag und die Routine wenigstens für eine gewisse Zeit aufzubrechen. Nicht, weil mir etwas fehlt oder ich unzufrieden wäre. Ganz im Gegenteil! Es ist vielmehr der Gedanke, dass das Leben kurz ist und ich es in vollen Zügen auskosten will.

Es ist mal wieder Zeit für ein Abenteuer!

Einer der großen Vorteile meiner Selbstständigkeit als Agenturinhaberin besteht darin, dass ich arbeiten kann, wo immer eine schnelle und stabile Internetverbindung vorhanden ist. Diese Freiheit nutze ich natürlich nicht ständig, auch ich sitze in der Regel in meinem Büro vor dem Computer. Aber regelmäßig packt unsere Familie die Abenteuerlust und dann verändern wir Dinge und machen neue, wilde Pläne. Zu solchen Plänen gehört es, dass wir auch gerne mal unsere Insel verlassen und nicht nur für zwei Wochen in den Urlaub fahren, sondern auch mal ganze drei Monate weg sind. Und dann machen wir an einem anderen Ort keinen klassischen Urlaub, sondern leben für eine kurze Zeit dort. Wir entdecken Lieblingsorte, lernen andere Familien kennen und erleben einen Ort nicht als Besucher, sondern als temporäre Bewohner. Freundschaften entstehen, Land und Leute berühren einen tiefer und plötzlich fühlt man sich mit einem Ort verbunden, den man wenige Wochen zuvor noch gar nicht kannte. Und man schmeckt ein wenig den Alltag eines anderen Lebens. Man entwickelt Meinungen zu Supermärkten, kennt die Stoßzeiten auf den Straßen und ertappt sich dabei, über Dinge nachzudenken, die im Urlaub nie eine Rolle spielen würden. Etwa darüber, ob der Bürgermeister des Ortes den neu gebauten Spielplatz rechtzeitig eröffnet, damit wir ihn noch nutzen können oder welche Bäckerei die besseren Brötchen hat. Ob die Stadtbibliothek einen Ausweis auch für temporäre Bewohner ausstellt. Welche lokalen Eigenheiten man anfangs seltsam fand und inzwischen selbst übernommen hat. Oder warum es in der Ferienwohnung einen so schönen Laminatboden hat und ob man so einen ähnlichen nicht auch zu Hause ins Büro legen könnte. Vielleicht ist genau das die moderne Form des Abenteuers.

Wenn vom digitalen Nomadentum die Rede ist, entstehen oft Bilder von Menschen mit Laptop am Strand, die zwischen zwei Kokosnüssen ihr Start-up aufbauen. Die Realität sieht meist deutlich unspektakulärer aus. In meinem Fall besteht sie aus dem ganz normalen Familienchaos, Kundenterminen und der gelegentlichen Suche nach einem ruhigen Platz für ein Meeting. Und täglichen Zeiten, an denen ich konzentriert vor dem Computer sitze. Und doch steckt darin etwas, das ich nicht missen möchte. Die Möglichkeit, den eigenen Alltag gelegentlich neu zu denken, neue Perspektiven zu gewinnen. Das wunderbare, tiefe Gefühl frei zu sein.

Frei sein

Freiheit wird oft missverstanden. Viele Menschen verbinden sie mit völliger Unabhängigkeit. Mit einem Leben ohne Verpflichtungen. Tatsächlich erlebe ich das Gegenteil. Ich bin Unternehmerin, Ehefrau und Mutter. Mein Leben besteht aus Verantwortung. Gerade deshalb empfinde ich beispielsweise die Freiheit, Entscheidungen über den Ort meines Arbeitens treffen zu können, als so wertvoll. Freiheit bedeutet für mich nicht, keine Bindungen zu haben. Freiheit bedeutet, innerhalb dieser Bindungen Gestaltungsspielraum zu besitzen. Die Möglichkeit, gelegentlich auszubrechen, neue Wege einzuschlagen und bewusst andere Entscheidungen zu treffen. Nicht vor dem eigenen Leben, sondern aus den gewohnten Mustern ausbrechen zu dürfen. Routinen zeitweise sprengen zu können. Den Zustand, in dem jeder Tag dem vorherigen verdächtig ähnlich sieht, gar nicht erst entstehen zu lassen.

Vielleicht wird einem das mit zunehmendem Alter bewusster. Ich bin inzwischen über 40. Eine Zahl, die auf dem Papier deutlich dramatischer wirkt als im eigenen Kopf. Die Vorstellung, dass Abenteuer ausschließlich Menschen in ihren Zwanzigern vorbehalten seien, erscheint mir heute sogar fast absurd. Warum darf ich mit Mitte Vierzig nicht genauso wild und abenteuerlustig sein, wie mit Anfang Zwanzig? Wer hat eigentlich beschlossen, dass Abenteuerlust ein Verfallsdatum besitzt? Dass man irgendwann aufhören müsse, Neues auszuprobieren oder vermeintlich verrückte Ideen umzusetzen?

Vielleicht liegt das daran, dass die Jahre irgendwann anfangen, schneller zu vergehen. Nicht dramatisch, aber wahrnehmbar. Plötzlich stellt man fest, dass Ereignisse, die sich wie gestern anfühlen, bereits fünf oder zehn Jahre zurückliegen. Man beginnt zu begreifen, dass Zeit die einzige Ressource ist, die sich nicht vermehren lässt. Und genau deshalb halte ich wenig davon, Träume dauerhaft aufzuschieben. „Irgendwann werde ich mir diesen Traum erfüllen“ ist ein trauriger Satz. Denn dieses „Irgendwann“ hat die unangenehme Angewohnheit, sich in ein „nie“ zu verwandeln.

Das nächste Abenteuer wartet

Natürlich kann niemand permanent ausbrechen. Das Leben besteht nun einmal nicht ausschließlich aus Sonnenuntergängen und inspirierenden Ortswechseln. Aber ich glaube, wir sollten uns erlauben, Möglichkeiten zu nutzen, wenn sie sich bieten. Und das Abenteuer muss ja auch kein Ortswechsel auf Zeit sein. Vielleicht entscheidest Du Dich dafür, in die Selbstständigkeit zu gehen. Vielleicht buchst Du endlich die Reise, von der Du seit Jahren sprichst. Vielleicht lernst Du eine neue Sprache, wanderst einen Jakobsweg, schreibst ein Buch oder meldest Dich für einen Kurs an, der Dich schon lange reizt. Vielleicht ziehst Du sogar in eine andere Stadt oder ein anderes Land. Das eigentliche Abenteuer hat oft weniger mit dem Ziel zu tun als mit der Entscheidung, den ersten Schritt zu gehen.

Und was ich wirklich zu schätzen weiß: die Technik macht heute so viel möglich! Cloud-Dienste, Videokonferenzen, digitale Projektmanagement-Tools und eine neue Art von Kommunikation haben die Art, wie wir arbeiten, grundlegend verändert. Für viele Menschen bedeutet Digitalisierung  mehr Bildschirmzeit. Für mich bedeutet sie vor allem eines: mehr Freiheit.

 

Diesen Sommer haben wir als Familie drei Monate in Kanada verbracht und es war so viel mehr als ein langer Urlaub! Die kanadische Provinz Ontario hat sich tief in unser Herz gegraben. Die atemberaubende Natur, die wunderschönen Seen, die herzlichen Menschen und ihre Geschichten und all die schönen Momente, die wir dort verbracht haben sind unvergessen. Dieser Sommer in Kanada war magisch, einzigartig, inspirierend und einfach wunderbar! Aber zur Wahrheit gehört auch, dass sie diese Entscheidung uns Mut gekostet hat. Und wir Lösungen finden mussten, um diesen Trip überhaupt möglich zu machen. Wir mussten sehen, wo wir Kosten sparen können (3 Monate an einem anderen Ort kosten viel Geld), wer drei Monate nach unserem Haus zu Hause schaut und ob wir alle Voraussetzungen in Kanada haben, um für unsere Kunden erreichbar zu sein und Aufträge umsetzen zu können. Wir mussten dazu Kompromisse eingehen und auch immer wieder über den eigenen Schatten springen.

Warum machen wir das? Warum verlassen wir regelmäßig unsere Komfortzone? Nicht wegen der Orte selbst. Nicht wegen schöner Fotos. Nicht einmal wegen der Abwechslung. Sondern weil wir das Leben auskosten wollen! Weil wir nicht auf den perfekten Moment warten wollen, sondern ihn einfach erschaffen. Weil wir unseres eigenen Glückes Schmied sind, auch wenn dieser Gedanke heute fast altmodisch klingt. Wir wollen an unserem Lebensabend einmal mit einem Lächeln zurückblicken und unseren Enkelkindern erzählen, wie viele Abenteuer wir erlebt haben.

Und jetzt bin ich gespannt: was ist Deine nächste „verrückte“ Idee? Schreib es gerne in die Kommentare.

P.S. Dir hat dieser Artikel gefallen? Dann teile ihn bitte!

Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert