Wir wissen, wie es endet: Du wirst sterben und ich auch

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Hat Dir die Überschrift Angst gemacht? Sie klingt brutal, beinahe bedrohlich. Dabei sagt sie eigentlich nur das, was wir alle wissen und trotzdem nur ungern aussprechen: Wir sind sterblich.

Warum ich ausgerechnet jetzt darüber nachdenke? Vielleicht liegt es daran, dass Halloween vor der Tür steht. Und daran, dass ich mich jedes Jahr aufs Neue darüber wundere, wie selbstverständlich sich plötzlich alles um Kürbisse, Gruselmasken und orangefarbene Süßigkeiten dreht. Und um den Tod.

Auch bei uns ist es längst ganz selbstverständlich geworden, dass Kinder an Halloween verkleidet durch die Straßen ziehen, an Haustüren klingeln und „Süßes oder Saures“ rufen. Einige meiner Freunde und Nachbarn schütteln darüber noch immer den Kopf. Halloween sei ein amerikanischer Import, reiner Kommerz und, das betonen die meisten, einfach kein Fest, das zu unserer Kultur gehöre.

Halloween, Allerheiligen und der Tod

Halloween ist aber keineswegs ein rein amerikanisches Fest. Seine Wurzeln liegen in den alten Traditionen Irlands und Schottlands, rund um das keltische Samhain. Der Vorstellung nach kehrten in der Nacht von Samhain die Seelen der Verstorbenen nach Hause zurück. Später verbanden sich diese Bräuche mit dem christlichen Allerheiligenfest. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so verwunderlich, dass Halloween, Allerheiligen und auch Allerseelen bis heute in dieselbe Zeit fallen: Es ist die Zeit im Jahr, in der wir uns an die Toten erinnern. Die einen tun es heute mit Kürbisfratzen und Süßigkeiten, andere mit einem Besuch auf dem Friedhof und einer Kerze am Grab, wieder andere zieht es an diesen Tagen in die Kirche. Und ganz gleich, auf welche Weise wir der Menschen gedenken, die nicht mehr unter uns sind: Der Tod ist an diesen Tagen präsent.

Der Tod. Ein Thema, über das wir den Rest des Jahres nur sehr ungern sprechen. Wir können über Krankheiten, Geld, Politik, Sex und inzwischen sogar darüber diskutieren, ob künstliche Intelligenz irgendwann unseren Arbeitsplatz oder sogar unsere ganze Welt übernimmt. Aber beim Tod wird es schnell still. Dabei ist er die einzige Gewissheit, die wir alle haben. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir ihn so gerne verdrängen. Wenn wir uns jeden Tag bewusst machen würden, dass unser eigenes Leben irgendwann endet und dass wir jeden Menschen, den wir lieben, irgendwann verlieren werden, wäre ein unbeschwertes Funktionieren vermutlich schwierig. Wir würden nicht mehr einfach nur den nächsten Termin planen, sondern uns fragen, ob wir unsere Zeit eigentlich gerade für die richtigen Dinge verwenden. Ob diese endlose To-do-Liste wirklich so wichtig ist. Ob wir wirklich noch mehrere Jahre auf den richtigen Zeitpunkt für den großen Traum warten wollen. Und ob der Streit von gestern tatsächlich wichtiger ist als der Mensch, mit dem wir ihn hatten. Vielleicht braucht das Leben die Verdrängung des Todes deshalb ein Stück weit. Aber vielleicht braucht es ebenso die gelegentliche Erinnerung daran.

Trauer

Sobald aus dem abstrakten „Irgendwann sterben wir alle“ ein konkreter Gedanke wird, verändert sich etwas. Besonders dann, wenn es nicht um den eigenen Tod geht, sondern um den Tod eines Menschen, den man liebt. Wer bereits einen Herzensmenschen verloren hat, kennt diese Erfahrung. Der Tod ist so endgültig, dass man ihm ohnmächtig gegenübersteht. Es gibt kein Später. Kein Gespräch, das man noch führen könnte. Keine Umarmung, die man nachholen kann. Die Trauer, die uns nach dem Verlust eines geliebten Menschen überrollt, ist so groß, dass man sich kaum vorstellen kann, irgendwann wieder ein „normales“ Leben führen zu können.

Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Das ist bei der Trauer nicht so. Trauer um einen Herzensmenschen ist gewaltig. Sie kann einen regelrecht erschüttern. Trauer gehört zu den intensivsten und schwierigsten Erfahrungen meines Lebens. Und sie verschwindet auch nicht einfach. Sie verändert sich, aber sie vergeht nicht. Ich muss mit dem Schmerz und der Lücke leben, die liebende Menschen hinterlassen, wenn sie diese Welt verlassen. Selbst Jahre später reicht ein Lied, ein Foto oder eine persönliche Trauerkarte, die einem in die Hände fällt, um einen längst vergangenen Moment wieder ganz nah heranzuholen. Und plötzlich ist der Schmerz wieder so stark präsent, dass er keinen Zweifel daran lässt, dass er für immer bleiben wird.

Auch die Zeit vor Halloween und Allerheiligen holt diese Trauer bei mir wieder hervor. Und mit ihr die Erinnerungen an die wunderbaren Momente mit besonderen Menschen, die nun im Jenseits sind. Was immer das auch sein mag.

Mono no aware

Inmitten dieser Gedanken lese ich den WhatsApp-Status einer meiner besten Freundinnen und muss lächeln. Drei Worte stehen dort derzeit: MONO NO AWARE. Japanisch. Es steht für die Schönheit des Vergänglichen. Das hat bei mir sofort eine Gänsehaut erzeugt. Ich finde, in diesem Begriff steckt viel mehr als die Erkenntnis, dass Dinge irgendwann zu Ende gehen. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Schönheit und Traurigkeit, die entsteht, wenn wir etwas betrachten und gleichzeitig wissen, dass wir es nicht festhalten können. Vielleicht ist Melancholie genau das Gefühl, das zwischen diesen beiden Erkenntnissen entsteht. Ein Sonnenuntergang ist so besonders schön, gerade weil er nicht bleibt. Der erste Kuss kann ein magisches Erlebnis sein und ist dennoch flüchtig und unwiederholbar. Und vielleicht werden manche Momente unseres Lebens erst dadurch kostbar, dass wir tief in uns wissen: Diesen Moment wird es genau so nie wieder geben.

Und natürlich denke ich als Mama dabei auch an mein Kind. Vielleicht ist das eine der seltsamsten Erfahrungen des Elternseins: Man möchte unbedingt, dass das eigene Kind groß wird. Selbstständig, glücklich und frei. Und gleichzeitig möchte man bestimmte Momente für immer festhalten. Heute sitzt da noch ein kleiner Mensch auf meinem Schoß, kuschelt sich in meine Arme und erzählt mir irgendeine Geschichte, die für ihn gerade ungeheuer wichtig ist. Aber so wird es nicht bleiben. Mein Sohn wird irgendwann ein erwachsener Mann sein. Er wird seinen eigenen Weg gehen und mich nicht mehr auf dieselbe Weise brauchen. Er wird nicht mehr in meinen Armen liegen und mich nicht mehr mit diesen großen Kinderaugen ansehen. Das ist richtig. Das ist schön. Und es tut trotzdem weh. Vielleicht ist mit „Mono no aware“ genau das gemeint. Nicht die tiefe Traurigkeit, sondern die leise Melancholie darüber, dass etwas Schönes nicht bleiben kann.

Was der Tod nicht nehmen kann…

Und plötzlich führt der Gedanke wieder zurück zu den Menschen, die bereits gegangen sind. Allerheiligen schickt mich jedes Jahr auf diese emotionale Reise. Die Menschen, die mir der Tod genommen hat, fehlen mir. Natürlich tun sie das. Manchmal fließen Tränen. Manchmal ist die Erinnerung schwer. Aber erstaunlicherweise lande ich am Ende fast immer bei Dankbarkeit. So sehr ich diese Menschen vermisse, so dankbar bin ich dafür, dass sie überhaupt in meinem Leben waren. Für die gemeinsamen Jahre. Für glückliche Momente. Für Gespräche, Lachen und all die Erinnerungen, die geblieben sind. Der Tod kann einen Menschen aus unserem Alltag nehmen. Aber er kann nicht ungeschehen machen, dass wir uns begegnet sind. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Trauer irgendwann etwas anderes werden kann. Nicht weniger Schmerz, auch nicht weniger Liebe, sondern eine andere Form von Liebe.

Und dann gibt es da noch diesen Gedanken, den ich nicht beweisen kann und an dem ich trotzdem festhalte: Vielleicht endet mit dem Tod nicht alles. Vielleicht sind Seelen unsterblich. Vielleicht gibt es Verbindungen zwischen Menschen, die nicht einfach verschwinden, nur weil der Körper nicht mehr da ist. Wer einmal einem Menschen begegnet ist, zu dem er eine ganz besondere, seelenverwandte Verbindung gespürt hat, versteht vielleicht, warum dieser Gedanke mehr sein kann als eine schöne Vorstellung. Es gibt Begegnungen, bei denen man sich fragt, warum ausgerechnet dieser Mensch im eigenen Leben aufgetaucht ist. Warum sich eine Verbindung manchmal so unendlich tief und vertraut anfühlt, als würde man sich schon viel länger kennen. Ich bin überzeugt davon, dass sich solche Seelen irgendwann wieder begegnen. Vielleicht in einem neuen Leben. Vielleicht ganz anders, als wir es uns vorstellen können. Wissen können wir es nicht. Aber wer Seelenverwandtschaft je erlebt hat, kennt vielleicht diese tiefe Überzeugung, dass Seelen älter als Körper sind und verwandte Seelen sich wiederfinden.

Happy Halloween!

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit.“
– Prediger 3,2

Halloween und Allerheiligen erinnern uns auf ganz unterschiedliche Weise an die Vergänglichkeit. Das eine laut, bunt und mit ziemlich viel Zucker. Das andere still, mit Kerzen und Namen auf Grabsteinen. Vielleicht brauchen wir beides. Den spielerischen Umgang mit dem Gedanken an den Tod und die eigene Vergänglichkeit. Und den stillen Moment, in dem wir uns eingestehen, dass nichts für immer bleibt und wir gleichzeitig unendlich dankbar für all die besonderen Momente in unserem Leben sind.

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis der Vergänglichkeit nicht, dass wir eines Tages sterben. Sondern dass wir heute leben. Und dass noch einzigartige Momente mit besonderen Menschen vor uns liegen.

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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