Gespeichert, vergessen, nie gemacht: Warum wir so vieles nie ausprobieren

„Das muss ich auch mal ausprobieren!“ Wie oft haben wir diesen Satz schon gesagt oder gedacht? Beim Anblick eines selbst gemalten Bildes, beim Gespräch über eine neue Sportart oder wenn jemand begeistert von einem Hobby erzählt, das wir selbst gern einmal ausprobieren würden. Besonders häufig begegnet uns dieser Gedanke inzwischen auf den Sozialen Netzwerken. Wir sehen ein Reel auf Instagram, in dem jemand wunderschöne Dinge bastelt, ein altes Möbelstück verwandelt oder ein erstaunlich einfaches Rezept ausprobiert. Und sofort denken wir: Das mache ich auch mal! Wir speichern das Video ab, schicken es vielleicht noch jemandem und scrollen weiter.
Ein paar Wochen später erinnern wir uns bestenfalls daran, dass wir irgendwo eine Sammlung mit gespeicherten Ideen haben. Und dort liegen sie dann, Seite an Seite mit den guten Vorsätzen vom vergangenen Jahr. Manchmal gehen wir sogar einen Schritt weiter, bestellen das passende Material und schaffen damit sämtliche Voraussetzungen. Nur angefangen haben wir noch nicht.
Warum wir lieber speichern als anfangen
Psychologisch betrachtet ist das gar nicht so ungewöhnlich. Eine Idee begeistert uns, weil wir uns das Ergebnis vorstellen können. Wir sehen das fertige Kunstwerk, das selbst gebaute Regal oder uns selbst beim neuen Hobby. Der Weg dorthin spielt in unserer Vorstellung zunächst kaum eine Rolle. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir müssten Zeit freimachen, uns mit unbekannten Handgriffen beschäftigen und vielleicht feststellen, dass wir uns das Ganze einfacher vorgestellt haben. Dazu kommt die Möglichkeit, dass das Ergebnis nicht unseren Erwartungen entspricht. Solange wir etwas nur planen, können wir uns ausmalen, wie gut es werden könnte. Sobald wir anfangen, wird aus der schönen Vorstellung ein konkreter Versuch. Und der kann nun einmal schiefgehen.
Wi sind zudem natürlich auch ein Stück weit gefangen in unserem Alltag, der selten darauf wartet, bis wir unsere kreativen Vorhaben umgesetzt haben. Also speichern wir das Reel für später, legen das Bastelmaterial in eine Schublade und vertrauen darauf, dass irgendwann der richtige Moment kommt. Nur hat dieser Moment leider die Angewohnheit, sich nicht von selbst anzukündigen.
Was die Psychologie über gute Vorsätze herausgefunden hat
Zwischen dem, was wir uns vornehmen, und dem, was wir tatsächlich tun, klafft oft eine erstaunlich große Lücke. Warum das so ist und wie wir sie überwinden können, beschäftigt auch die psychologische Forschung. Die Psychologen Peter M. Gollwitzer und Paschal Sheeran werteten 2006 in einer Metaanalyse die Ergebnisse von 94 unabhängigen Untersuchungen aus. Ihr Thema: Wie schaffen Menschen es, ihre Vorhaben tatsächlich umzusetzen? Das Ergebnis ist spannend. Konkrete Wenn-dann-Pläne verbesserten die Zielerreichung mit einem mittleren bis großen Effekt. Gemeint sind Pläne, die nicht nur festlegen, was man tun möchte, sondern auch, wann und wie man anfängt. Der Unterschied lässt sich leicht erklären. „Ich möchte endlich mal wieder malen“ ist eine Absicht. „Am Samstag nach dem Frühstück hole ich die Farben heraus und male eine halbe Stunde“ ist ein konkreter Handlungsplan. Das klingt unspektakulär. Aber genau darin liegt der Vorteil: Wir müssen nicht jedes Mal neu überlegen, wann wir anfangen. Wir haben es bereits entschieden.
Aus dem gespeicherten Reel wird ein echtes Erlebnis
Vielleicht hilft es, unsere Vorhaben nicht länger als große Projekte zu betrachten. Wir müssen nicht gleich einen ganzen Raum renovieren, ein kompliziertes Kunstwerk erschaffen oder eine neue Sportart perfekt beherrschen.
Wir könnten einfach das tun, was uns an der Idee ursprünglich begeistert hat.
- Such Dir ein gespeichertes Reel aus und probiere die Idee an einem konkreten Termin am Wochenende aus.
- Setz Dir ein kleines Zeitlimit. 20 Minuten reichen für einen ersten Versuch.
- Erlaube Dir, Anfänger zu sein. Das Ergebnis muss weder vorzeigbar noch perfekt sein.
Und wenn Du feststellst, dass Dir die Sache keinen Spaß macht? Dann hast Du immerhin etwas gelernt. Nicht jede Idee muss zu einem neuen Hobby werden. Aber Du solltest ihr eine Chance geben, bevor Du sie endgültig abschreibst.
Das Leben ist zu kurz für ein ewiges „Irgendwann“
Ich finde, wir sollten uns viel öfter erlauben, neugierig zu sein. Nicht, weil wir ständig etwas leisten oder uns weiterentwickeln müssen. Sondern weil es Freude macht, Neues zu entdecken, Dinge mit den eigenen Händen zu erschaffen und Erfahrungen zu sammeln, die wir sonst nie gemacht hätten. Wir wissen nicht, ob uns das neue Hobby gefällt, ob wir ein Talent entdecken oder ob wir nach dem ersten Versuch feststellen, dass die Idee besser war als ihre Umsetzung. Aber wir können es herausfinden. Und manchmal sollten wir einfach Zeit freischaufeln, um etwas komplett neues auszuprobieren.
Das gilt übrigens auch für größere Vorhaben. Vielleicht spielst Du schon länger mit dem Gedanken, einen eigenen Blog zu starten. Bevor Du erst einmal viele Stunden in den Aufbau eines eigenen Blogs investierst, könntest Du erst einmal einen Gastbeitrag für einen bestehenden Blog schreiben oder auf Social Media kleine Geschichten und Anekdoten veröffentlichen. So findest Du heraus, ob Dir das Schreiben und Veröffentlichen tatsächlich Spaß macht. Und wenn Du merkst, dass Du Feuer gefangen hast und unbedingt mehr schreiben möchtest, kannst Du immer noch eine Domain kaufen und Deinen eigenen Blog starten. Schritt für Schritt eben. Du musst nicht gleich ein ganzes Haus bauen, nur um herauszufinden, ob Du darin wohnen möchtest.
Wir haben nur diese eine Leben. Wäre es nicht schade, wenn wir am Ende auf all die Dinge zurückblicken, die wir immer einmal machen wollten, aber nie ausprobiert haben?
Worauf wartest Du noch? Such Dir noch heute eine Idee aus. Öffne das gespeicherte Reel. Hol die Farben aus dem Schrank. Mach den ersten Schritt. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Heute.





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