#aufschrei – Wie sexistisch ist Deutschland?

Weltgeschehen 5 11

Sexismus bekämpfen (Foto: Kecko/Flickr)

Vor wenigen Tagen entbrannte mal wieder eine heiße Diskussion im Netz. Auslöser war ein Artikel von Laura Himmelreich (Journalistin vom stern), der den Titel “Der Herrenwitz” trug. Die Journalistin hatte Rainer Brüderle (FDP-Fraktionsvorsitzender) darin anzügliche Äußerungen vorgeworfen.

An der Maritim-Bar

Laura Himmelreich schreibt über eine Begegnung mit Herrn Brüderle im letzten Jahr, am Abend vor dem Dreikönigstreffen der FDP. Dort habe sie mit dem Politiker an der Bar des Maritim in Stuttgart gesessen. Sie schreibt, Brüderles Blick sei auf ihren Busen gewandert und er habe bei einem Gespräch über das Oktoberfest die unpassende Bemerkung fallen gelassen: “Sie können ein Dirndl auch ausfüllen”. Auch nach ihrer Hand habe er gegriffen, um diese zu küssen. Danach sei der nächste anzügliche Spruch gefallen: “Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.”. Ihre Reaktion: “Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.” Seine Antwort: “Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.”

Keine Frage: wenn sich dies so zugetragen hat, was ich Frau Himmelreich natürlich glaube, dann hat sich Herr Brüderle alles andere als professionell benommen. Eine plumpe Anmache eines älteren Herren, der sich für unwiderstehlich hält. Und dies bei einer jungen Journalistin zu versuchen: das ist zweifellos respektlos und unpassend.

Aber was stört mich an dem Artikel von Frau Himmelreich? Es ist der Zeitpunkt. Diese Situation hat sich vor einem Jahr abgespielt. Veröffentlicht wird Frau Himmelreichs Artikel aber erst jetzt. Liegt es vielleicht daran, dass ein solcher Artikel Brüderle mit seiner Berufung zum Spitzenkandidaten nun härter treffen kann? Geht es wirklich darum über Sexismus zu sprechen oder war Himmelreichs Artikel nur eine Waffe, die eingesetzt wurde, als der Effekt am größten war?

Ein #Aufschrei geht durchs Internet

Inspiriert von US-amerikanischen Feministinnen und dem Artikel von Frau Himmelreich, starteten die zwei Internet-Nutzerinnen @vonhorst und @marthadear letzten Freitag einen Aufruf, alltägliche Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung unter dem Hashtag #aufschrei zu twittern.

Das Ergebnis war beeindruckend. Zahlreiche Menschen folgten dem Aufruf und es war erstaunlich wie viele Frauen ihre Erlebnisse mit alltäglichem Sexismus mit der Welt teilten. Erfahrungen, wie diese:

 

 

 

 

Aufschrei (Foto: Maks Karochkin/Flickr)Sexismus im Alltag

Besonders als Frau macht mich diese Diskussion nachdenklich. Ich habe den stern-Artikel von Frau Himmelreich gelesen, habe den #aufschrei auf Twitter verfolgt, viele Blog-Artikel zu dem Thema gelesen und auch die ein oder andere Talkshow gesehen, in der das Thema aufgegriffen wurde.

Zunächst einmal finde ich es wunderbar, dass über das Thema gesprochen wird. Sexismus findet statt und jede Frau hat damit schon einmal Erfahrungen gemacht. Darüber zu sprechen macht betroffenen Frauen Mut – und Männer, die zu Respektlosigkeit und/oder Übergriffen neigen, hoffentlich nachdenklich. Und zuletzt sensibilisiert eine solche Diskussion uns hoffentlich alle, so dass wir nicht einfach wegschauen, wenn wir Zeuge eines Übergriffs werden.

Was in der Diskussion allerdings häufig vergessen wird: es bleibt nicht immer nur beim Tätscheln und anzüglichen Sprüchen. Eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 kam tatsächlich zu dem Ergebnis, dass in Deutschland jede siebte Frau in ihrem Erwachsenenleben mindestens einmal vergewaltigt wurde. Jede siebte Frau!

Meine Erfahrungen

Auch ich habe meine Erfahrungen mit Sexismus gemacht. Und auch Gewalt habe ich in diesem Zusammenhang erfahren; eine Erfahrung, die zu den schmerzhaftesten in meinem Leben gehört. Ich bin, wie viele andere Frauen auch, in meinem Leben Männern begegnet, die Grenzen deutlich überschritten haben und mich damit verletzt und gedemütigt haben.

Trotz dieser Erfahrungen sehe ich mich nicht als Opfer einer männerdominierenden Welt. Es gibt einzelne Menschen, die schlimme Dinge tun. Und diese Menschen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb ist es auch so wichtig, über das Thema Sexismus und sexuelle Gewalt zu sprechen. Wenn wir Zeuge eines Übergriffes werden, müssen wir uns einmischen und der betroffenen Person helfen. Und Betroffene müssen wissen, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn so etwas passiert und dass sie damit nicht alleine sind. Nur so können wir etwas gegen diese schrecklichen Übergriffe tun. Schaut nicht weg!

Was mir aber wichtig ist: nicht alle Männer sind sexistisch und gewaltbereit. Und nicht jede blöde Anmache nehme ich mir gleich zu Herzen. Und pfeifen mir Männer mal hinterher, dann nehme ich das als Kompliment und unterstelle ihnen nicht gleich, dass sie mich nur auf mein Äußeres reduzieren und mich abwerten wollen. Zu einem guten und fairen Miteinander gehört auch, nicht alles auf die Goldwaage zu legen. Treffe ich allerdings auf Menschen, die meine Grenzen  überschreiten, dann setze ich mich zur Wehr und zwar deutlich. Solchen Menschen begegnet man im Leben immer wieder (darunter nicht nur Männer) und es ist wichtig zu lernen, mit diesen schwierigen, oft sehr verletzenden Situationen umzugehen.

Ich persönlich fühle mich in meinem Alltag gegenüber Männern nicht benachteiligt. Frauen und Männer sind nun einmal unterschiedlich. Es gibt Lebenssituationen, da haben es Männer leichter und Situationen, da haben es Frauen leichter.

Treffe ich auf sexistische, rassistische, respektlose oder gewaltbereite Personen, versuche ich solche Personen in ihre Schranken zu weisen. Und in meinem bisherigen Leben gab es immer genügend Mitmenschen, die sich in einer solchen Situation an meine Seite gestellt und mich unterstützt haben. Das macht mir Mut und gibt mir Hoffnung.

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Über den Autor: / 

Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Ausgewanderte

5 Kommentare

  1. Kilian 1. Februar 2013 um 09:34 -  Antworten

    Sehr guter Beitrag!!!

  2. Yvonne Kalt 1. Februar 2013 um 12:54 -  Antworten

    Sehr gut geschrieben Katharina !

  3. Katharina Kokoska 1. Februar 2013 um 12:56 -  Antworten

    Danke Euch! Ist ja nicht gerade ein leichtes Thema… aber anscheinend eines, das die Menschen derzeit sehr bewegt! :-)

  4. Stefan Lonsi 11. Februar 2013 um 21:28 -  Antworten

    wieso wird nicht endlich mal über das Thema diskutiert, wenn Männer von Frauen sexuell belästigt/ missbraucht werden??? Diese Einseitigkeit der Debatte ist eine feministische Perversion, die genauso geächtet werden sollte, wie sexuelle Belästigung an sich selbst.

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