Interview mit einer Aktivistin von Occupy Frankfurt

Trotz eisiger Kälte im Januar und Februar dieses Jahres hielten sie durch: die Aktivisten im Occupy-Camp in Frankfurt am Main. Es ist das größte Occupy-Camp Deutschlands und befindet sich in der Grünanlage vor der Europäischen Zentralbank. Frisch-gebloggt.de hat mit Behcat K. gesprochen, einer engagierten, jungen Frau, die aufgrund anstehender Uni-Klausuren zwar seit zwei Monaten nicht mehr im Camp übernachtet, sich aber immer noch gerne dort aufhält, wenn es ihre Zeit zulässt.

Frisch gebloggt: Im Oktober 2011 hat die Occupy-Bewegung Frankfurt ihr Camp vor der Europäischen Zentralbank errichtet, das bis zum heutigen Tage besteht. Wie lange hast Du im Camp gelebt und was waren Deine Beweggründe Dich der Bewegung anzuschließen?

Behcat K.: Seit dem ersten Tag, dem 15. Oktober, war ich im Camp und habe dort zwei Monate gelebt, dort geschlafen und gearbeitet. Mein Interesse in diese Richtung hat aber bereits eineinhalb Monate vorher angefangen, da war ich im KoZ (Abk.: Kommunikationszentrum; dort befindet sich auch das Café der Studierendenschaft der Uni Frankfurt). Und dort bin ich zufälligerweise auf eine Gruppe gestoßen, die sich die „Empörten von Frankfurt“ nennen. Das ist eine Gruppe, die hauptsächlich aus Spaniern und Deutschen besteht und die sich kurz vor den Demonstrationen in Madrid am 15. Mai 2011 gebildet hat. Diese Menschen setzen sich für eine gerechtere und demokratischere Welt ein.

Das war damals eine Gruppe von zwanzig Leuten, die dann auch eine „asamblea“ (span.: Versammlung) abgehalten hat. Die fand dort statt und das habe ich mir dann auch angeguckt. Es waren auch Leute aus Spanien da, die über ihre Aktivitäten in Madrid geredet haben. Und dort hieß es dann: „17. September beginnt Occupy in New York. Möchten Wir uns mit denen solidarisieren und auch etwas auf die Beine stellen?“. Ich fand das total spannend, obwohl ich vorher noch nie wirklich politisch aktiv gewesen bin. Ich habe auch nie ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Partei oder Gruppe gehabt, da war nie ein Angebot dabei, das zu meiner Einstellung gepasst hätte. Aber dieses Zusammenkommen war so energiereich, ich habe mich da total aufgehoben gefühlt. Es wurde nicht nur geredet, sondern auch konkret was auf die Beine gestellt, das gefiel mir.

Also beschlossen wir an diesem Tag, dass wir am 17. September 2011 auch eine Aktion mitgestalten möchten. Und so kam es, dass wir im September 2011 fünf Tage vor der alten Börse gemeinsam mit zwanzig Leuten demonstrierten. Wir haben quasi etwas ähnliches versucht zu starten, wie das heutige Occupy Camp vor der EZB. Doch wir hatten nur fünf Tage Zeit für die Organisation. Es war ein Anfang, noch sehr klein und leider auch nicht medienwirksam. Dort haben wir versucht Leute auf der Straße anzusprechen, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Ich bin da damals frisch reingeraten und wusste auch noch nicht genau wo es hingeht.

Frisch gebloggt: Und dann hast Du Dich Occupy angeschlossen. Die Occupy-Bewegung kritisiert vor allem drei Probleme unserer heutigen Gesellschaft: soziale Ungleichheiten, die Spekulationsgeschäfte von Banken und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik. Was glaubst Du persönlich: wird es Occupy gelingen eine Veränderung herbeizuführen? Und wie könnte die aussehen?

Behcat K.: Also Occupy an sich ist ein schwer greifbarer Begriff. Das sind Menschen, die einfach anfangen wollten über gewisse Probleme unserer Gesellschaft und Politik zu sprechen. Was Occupy ausmacht ist der Wunsch, die Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen: dass Banken zu viel Macht haben, dass Regierungen über gewisse Dinge hinweggucken und dass in unserer Gesellschaft immer mehr die Menschlichkeit fehlt. Was mir an Occupy gefällt: dass sie auf so etwas aufmerksam machen, dass sie in den Dialog treten, sich austauschen, immer wieder Aktionen starten.

 

Behcat in der Occupy Küche

Behcat in der Occupy Küche

 

Frisch gebloggt: Glaubst Du dass in Deutschland eine Politikverdrossenheit herrscht, dass zu wenige Menschen über politische und gesellschaftliche Themen sprechen?

Behcat K.: Ja, auf jeden Fall! Ich habe das in den letzten zwei Monaten, wo ich nicht so viel im Occupy Camp sein konnte, gesehen, dass die Menschen um mich herum gar kein Gefühl für die Missstände haben, die sie umgeben. Die denken: ich habe meine Arbeit, ich habe eine Ausbildung, das funktioniert alles schon irgendwie. Aber mich stört, dass sie so selbstbezogen sind; hier in Frankfurt leben, ihr Ding machen, aber globale Probleme komplett aus den Augen verloren haben. Es herrscht Desinteresse und keine Lust auf Teilnahme an Gesprächen zu solchen Themen. Es ist natürlich sehr schwer eine solche Thematik anzusprechen und die Leute aufzurütteln, denn viele sind schon in so ein festes Muster hineingeraten. Für mich ist es einfach wichtig mit Menschen in Kontakt zu treten, mit unterschiedlichen Leuten, eben nicht nur Menschen, die politisch aktiv sind, sondern bewusst mit solchen, die es normalerweise nicht sind.

Frisch gebloggt: Glaubst Du daran, dass der Dialog mit den Mitmenschen dazu führt, dass sich irgendwann die Masse erheben wird, um gemeinsam die von Dir genannten Missstände zu benennen und dann eine Veränderung zu bewirken? Ist das Dein Ziel, dass Du erreichen möchtest und an das Du glaubst?

Behcat K.: Ja, ich denke schon. Je mehr Menschen sich Gedanken um unsere Gesellschaft und unsere Demokratie machen desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Dinge, die momentan nicht so gut laufen, ändern werden.

Frisch gebloggt: Unterstützern von Occupy wird häufig vorgeworfen, dass sie keine konkreten Forderungen an die Regierung stellen und ihre Ziele schwammig und unkonkret sind. Siehst Du das auch so?

Behcat K.: Es macht es uns schwer, dass es von Außen so scheint, dass wir keine konkreten Ziele haben. Das kann ich verstehen und auch nachvollziehen. Bei uns im Frankfurter Camp zum Beispiel: das sind alles Leute, die unterschiedliche Hintergründe hatten. Also haben die meisten auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht und haben unterschiedliche Forderungen und Ziele. In den ersten Tagen im Camp mussten wir vorerst zueinander kommen und uns austauschen. Das ist bis heute ja auch noch so, dass es keine homogene Masse ist, die dort zusammenkommt. In Diskussionen wird versucht einen Konsens zu erreichen. Das geschieht nun einmal nicht innerhalb von einem Tag, sondern ist ein langer Prozess. Occupy behandelt nicht nur ein Thema, sondern viele Themen.

Frisch gebloggt: Was sind Deine persönlichen Ziele und Forderungen als Occupy-Aktivistin?

Behcat K.: Meine Ziele und Forderungen sind zunächst einmal mehr Aufgeschlossenheit für andere Menschen. Selbst im Camp hab ich gesehen, dass Einfachheiten, wie beispielsweise Respekt und Toleranz anderen gegenüber, nicht immer eingehalten worden sind. Viele Menschen müssen erst einmal lernen ihr Ego abzubauen. Dann kann man auch miteinander interagieren. Auch das Interesse für gesellschaftliche und politische Themen muss steigen. Das alles ist dann auch Basis für eine bessere, direktere Demokratie. Also Augen und Ohren offen halten!

Frisch gebloggt: Wie hat Occupy Dich und Deinen Alltag verändert?

Behcat K.: Durch meine Wohnzeit im Camp hat sich vieles verändert. Ich habe mein Konsumverhalten komplett umgekrempelt. Ich ernähre mich inzwischen vegan, also verzehre keine tierischen Produkte und achte darauf woher die Produkte kommen, die ich konsumiere. Dabei achte ich also nicht nur auf die Nahrung, die ich zu mir nehme, sondern schaue auch genau hin, wenn ich Kleidung, Hygieneartikel, etc. einkaufe. Auch das Interesse für eine große Bandbreite an Themen ist meinerseits gestiegen. Und was das Schönste an Occupy ist: die Menschen mit denen man in Kontakt tritt! Menschen mit denen man unter anderen Umständen bestimmt nicht in Kontakt getreten wäre…

Frisch gebloggt: Würdest Du anderen empfehlen einmal im Occupy-Camp vorbeizuschauen? Was erwartet einen im Camp? Muss man dort gleich einziehen oder kann man sich auch auf andere Weise beteiligen und inspirieren lassen?

Behcat K.: Es lohnt sich auf jeden Fall mal in einem Camp vorbeizuschauen! Erwarten kann man ein buntes Wirr-Warr! Man muss sich auch nicht gleich an Prozessen und Arbeitskreisen beteiligen, wenn man nicht möchte, sondern kann sich auch einfach mal berieseln und inspirieren lassen. Es ist ja so vielfältig! Und wenn man keine Zeit hat, reicht auch eine Essens- oder Geldspende für die Menschen, die wirklich dort wohnen. Es gibt so viele Camps auf der ganzen Welt. Einfachmal in das nächste gehen und schauen, was man auch für ein paar Stunden beitragen und natürlich auch mitnehmen kann.

Frisch gebloggt: Vielen Dank für das Interview!

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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