Wer ist die Internet-Gemeinde?

Menschenmenge (Foto: TheBigTouffe/Flickr)

Menschenmenge (Foto: TheBigTouffe/Flickr)

Regelmäßig lese ich Überschriften, wie diese:

Internetgemeinde verspottet Bundespräsidenten

CDU-Hinterbänkler trollt die Netzgemeinde

Friedrich wirft Netzgemeinde Wildwest-Methoden vor

 

Und dabei stelle ich mir immer wieder die selbe Frage: wer ist diese Internet-Gemeinde eigentlich, die von den Politikern und Zeitungen so gerne öffentlich angesprochen wird? Und gehöre ich dazu?

Gerade die aktuelle Diskussion zu dem bedrohlichen ACTA-Abkommen hat wieder viele Ansprachen an die sogenannte Internet-Gemeinde hervorgebracht. Doch was stellen sich die Menschen unter einer Netzgemeinde vor? Alle Personen, die regelmäßig das Internet benutzen? Das sind in Deutschland 73,3 Prozent der Bevölkerung , also 51,7 Millionen Deutsche. Eine ziemliche große und heterogene Gruppe! Oder sind mit „Internet-Gemeinde“ Blogger und Twitterer gemeint? Warum werden sie dann nicht auch als Blogger und Twitterer angesprochen? Die „Internet-Gemeinde“ ist wirklich ein sehr schwammiger und oberflächlicher Begriff. Wer soll sich da angesprochen fühlen?

Internet-Gemeinde – wer ist gemeint?

Mit „Netzgemeinde“ wollen Politiker und Zeitungen wahrscheinlich die Internet-User ansprechen, die sich zu bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Themen im Netz äußern und auch gerne einmal aktiv werden: beispielsweise mit dem Unterzeichnen von Online-Petitionen oder dem Erstellen eines kritischen youTube-Videos. Doch wer glaubt, dass dies eine feste Gemeinde oder Gruppe ist, die sich untereinander kennt und regelmäßig gemeinsame Aktionen plant, der irrt gewaltig. Es gibt weder eine greifbare Internet-Gemeinde, noch einen Online-Bürgermeister, der seine Schäfchen zusammenhält und zu gewissen Themen mobilisiert.

Internet funktioniert anders

Aktuelle Informationen und Diskussionen sind im Internet genauso zu finden, wie in Zeitungen, in Fernseh-Reportagen oder am Stammtisch an der Eckkneipe. Nur mit dem Unterschied, dass die vielen Millionen Internet-User viel einfacher und vor allem öffentlicher auf diese Themen reagieren können. Wenn spontane Online-Proteste entstehen und Themen im Netz sich plötzlich großer Beliebtheit erfreuen, dann geschieht das spontan. Und es sind nicht immer die selben User, die sich dazu äußern. Die Organisationsform solcher spontanen Interessengruppen ist vollkommen anders als wir es von klassischen Gruppen kennen. Es gibt keinen Kopf an der Spitze einer solchen Gruppe. Und es gibt kein Mitgliederverzeichnis. Jeder Internet-User schreibt, postet und teilt die Inhalte, die er für richtig hält und die ihn gerade bewegen. Welche Inhalte es dann schaffen eine große Verbreitung zu bekommen, zu noch mehr Kommentaren und Stellungnahmen im Netz anzuregen oder es sogar erreichen in die klassische, aktuelle Presse vorzudringen, lässt sich nicht planen oder steuern.

Online-Bewegungen entstehen spontan. Es nimmt teil, wer sich gerade angesprochen fühlt. Es äußert sich jeder, der dies in diesem Moment möchte – ohne Regeln, leitende Organe oder festgelegte Gruppen-Programme. Und es sind auch nicht immer die gleichen Personen, die sich per Blog-Artikel, Tweet oder Webvideo an einer Diskussion beteiligen.

Anonymous (Foto: PosterBoyNYC/Flickr)

Anonymous (Foto: PosterBoyNYC/Flickr)

Die Netz-Gemeinde und Anonymous

Genauso wie viele Politiker und Zeitungen sich „die Internet-Gemeinde“ aus gut vernetzten Bloggern und Twitteren vorstellen, so glauben auch die meisten, dass es eine Gruppe an Netz-Aktivisten gibt, die sich Anonymous nennt. Doch es gibt weder eine organisierte Netzgemeinde, noch gibt es eine feste Gruppe oder Organisation, die sich Anonymous nennt. Wenn im Namen von Anonymous die Menschen zum Beispiel aufgerufen werden, eine Webseite zum Zusammenbruch zu bringen, dann nimmt jeder daran teil, der sich angesprochen fühlt. Seiten, die zum Ziel einer Anonymous-Aktion werden, werden dann mit zahlreichen Anfragen überschwemmt, die den Webserver der Webseite überlasten und ihn funktionsuntüchtig machen. Diese Handlung wird als distributed denial of service (kurz DDoS, englisch für: Verteilte Dienstblockade) bezeichnet und ist natürlich strafbar. Doch nach einer kriminellen Gruppe namens Anonymous zu fahnden ist ein erfolgloses Unterfangen, denn sie existiert nun einmal nicht. Anonymous ist eine Idee, ein Deckname für Aktionen, die sich für die Redefreiheit und die Unabhängigkeit des Internets einsetzen. Und jede Anonymous-Aktion wird von unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen durchgeführt – Menschen, die nicht organisiert sind und keinen Anführer haben.

So schwer die Anonymous-Bewegung auch zu greifen ist, so schwer greifbar ist auch die sogenannte Webgemeinde. Wer also einen Appell an eine bestimmte Gruppe an Online-Usern richten möchte, sollte diese auch konkret benennen! Sprecht von den Teilnehmern eine bestimmten Anonymous-Aktion, wenn ihr diesen Leuten etwas zu sagen habt. Lacht über die Twitterer und Blogger, die sich über den Bundespräsidenten lustig gemacht haben. Dann fühlen sich die Verantwortlichen auch angesprochen! Wer von der Internet-Gemeinde im Allgemeinen spricht, kann seinen Appell auch von einem Balkon herunter schreien: ob sich dabei allerdings jemand angesprochen fühlt, wage ich zu bezweifeln!

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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