Videotagebücher erobern nicht nur das Internet

Bild: Andy Lee / Unsplash

Noch nie war es so einfach für die Menschen besondere Momente ihres Lebens als Video festzuhalten. Laut einer Umfrage nutzen aktuell rund 54 Millionen der Deutschen im Alter ab 14 Jahren ein Smartphone. Das zeigt: das Smartphone haben die meisten stets zur Hand – nicht nur um zu telefonieren, Nachrichten zu schreiben oder zu surfen, sondern auch um Fotos und Videos zu machen. Und schaut man sich die Zahlen der größten Video-Plattform im Internet an, wird klar, wieviele Menschen eigene Videos produzieren. Tatsächlich werden auf YouTube jede Minute dreihundert Stunden Videomaterial hochgeladen.

So wundert es nicht, dass es inzwischen jede Menge Videotagebücher gibt. Und diese sind nicht nur auf privaten Rechnern und Handys zu finden oder auf Plattformen wie youTube. Selbst Nachrichtenformate, Fernsehproduktionen und sogar Kinomacher haben diese Form des Filmes bereits für sich entdeckt.

Von guten und schlechten Videotagebüchern

Videotagebuch ist natürlich nicht gleich Videotagebuch. Ich wüsste beispielsweise gar nicht, wieso ich einen stinknormalen Tag aus meinem Alltag filmen sollte. Wer will schon sehen, wie ich morgens verschlafen und verquollen aus dem Bett steige? Oder wie ich stundenlang am Computer sitze und arbeite? Sehr spannend wird es auch nicht sein, wenn mich eine Kamera dabei begleitet, wie ich esse und trinke oder meinen Sport mache. Ich filme mit meiner GoPro wirklich nur besondere Momente: Urlaube, Ausflüge, Feste, etc. Und diese Filme bleiben bei mir auch privat, ich stelle sie nicht öffentlich für jeden sichtbar ins Netz. Der langweile, normale Alltag wird von mir nicht als Video festgehalten. Essen, trinken, arbeiten, schlafen: weshalb sollte ich in diesen Situationen eine Kamera auf mich halten? Das will doch wirklich niemand sehen! Leider hält die Trivialität des Alltags viele Menschen nicht davon ab, Ihr Leben zu filmen und furchtbar langweilige Clips auf youTube hochzuladen. Es ist wirklich unglaublich, welche furchtbar langatmigen und schlechtgemachten Videotagebücher in den unendlichen Weiten des Internets zu finden sind.

Doch zum Glück gibt es auch ganz tolle Projekte, die auf einem oder mehreren Videotagebüchern beruhen. Und von diesen möchte ich Euch nun gerne ein paar vorstellen:

Das journalistische Videoportal dbate.de

Die im Jahre 2014 ins Leben gerufene Webseite dbate.de konzentriert sich hauptsächlich auf Videos von Augenzeugen, Videotagebücher und Skype-Interviews, um Themen aufzubereiten. Die Idee dahinter: statt professionelle Fernsehteams zu einer bestimmten Thematik loszuschicken, wird Rohmaterial von Bloggern, youTubern oder Betroffenen gesammelt, sowie Interviews über Skype geführt. All diese Videos werden später dann professionell aufbereitet.

Hinter dbate steht die Hamburger Produktionsfirma ECO Media. Gründer Stephan Lamby ist überzeugt von diesem Konzept:

„Ich sehe eine Ergänzung der klassischen Fernsehproduktion, die wir seit Jahren betreiben. Technisch wie auch journalistisch ist eine neue Facette entstanden. Durch Skype-Interviews mit Betroffenen oder deren Video-Material entsteht etwas Raues und Unmittelbares, das einen neuen Reiz ausmacht.“

WDR-Dokuprojekt „Echt wir“

Letztes Jahr, zum 70. Geburtstag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, zeigte der WDR das Video-Projekt „Echt wir“ im Fernsehen, in dessen Rahmen zwanzig Menschen ihr Leben mit dem Handy dokumentierten. Neben der Reportage im Fernsehen sind die einzelnen Clips der zwanzig Protagonisten auch online abrufbar.

Emanuela Penev und Klaus Geiges, die redaktionell für „Echt wir“ verantwortlich waren und auch die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt hatten, sind begeistert:

„Dieses Projekt entfaltet eine ganz eigene Kraft, der man sich nicht verwehren kann. Die Menschen haben eine große Erzähllust, die den Zuschauer einfach in den Bann zieht“.

Christines Kampf gegen den Brustkrebs

Auch die 34-jährige Christine aus Hamburg stellt Videotagebücher ins Internet. Als Make-Up & Hair Artist waren dies zunächst Beauty-Videos. Doch im Jahre 2015 kam dann ein weiteres, wichtiges Thema hinzu: Brustkrebs. Christine entschied sich, mit dieser Diagnose in die Öffentlichkeit zu gehen und ehrlich darüber zu sprechen, wie es ihr mit dieser Diagnose geht und sich selbst mit der Kamera bei diesem schweren Weg zu begleiten. Eine mutige und tolle Frau, die mit vielen Abonnenten und Klicks im Internet belohnt wird.

Karpfenangeln mit Markus Lotz

Klingt verrückt, ist aber sehr erfolgreich: das Angler-Videotagebuch von Markus Lotz. Am 16. August 2010 ist das erste Videotagebuch Karpfenangeln mit Markus Lotz online gegangen. Inzwischen hat sein youTube-Kanal über 11.000 Abonnenten!

Der sympathische Rheinland-Pfälzer angelt schon seit dem 7. Lebensjahr und im Alter von 13 Jahren fing er seinen ersten Karpfen. Seit dem Tag an ist der „Cyprinus carpio“ sein Zielfisch!

„Karpfenangeln ist eine Leidenschaft,
in einem Zusammenspiel zwischen Mensch, Tier und Natur.“– Markus Lotz

Life in a day

Der Dokumentarfilm „Life in a day“ wurde von Regisseur Kevin Macdonald zusammengestellt und von Ridley Scott produziert. Die Filmausschnitte kamen allesamt aus dem Internet und wurden von den unterschiedlichsten Menschen aufgenommen. Die Bedingung: Alle Beiträge mussten am 24. Juli 2010 gedreht werden. Tatsächlich beteiligten sich viele Menschen an diesem Filmprojekt: 80.000 Videos aus 190 Ländern mit einer Gesamtspieldauer von 4500 Stunden wurden eingeschickt. Diese wurden dann von Macdonald und seinem Team gesichtet und zu einem Film geschnitten. Es entstand ein 95-minütiger Spielfilm, der einen „normalen“ Tag auf der Erde zeigt.

„Ich liebe das Metier des Dokumentarfilms. Er ist in der Lage, über das Leben von Individuen Dinge zu erzählen, die eine Figur in einem Spielfilm gar nicht ausdrücken kann. Das Leben echter Menschen ist doch immer noch das Außergewöhnlichste, was wir uns vorstellen können.“
– Kevin Macdonald

Mit Taichi auf dem Jacobsweg

Nicht nur Filmemacher und passionierte youTuber nutzen das Format Videotagebuch. Auch der Berliner Rapper Taichi hat beispielsweise ein Videotagebuch geführt von der Zeit als er auf dem Jakobsweg war. Mit gerade einmal um die 3.000 Aufrufen pro Video ist dieses Projekt zwar nicht sonderlich erfolgreich gewesen, dennoch zeigt es, dass ein Videotagebuch selbst für Rapper einen Reiz hat.

„Bevor ich 2012 auf dem Jakobsweg gepilgert bin
war ich an einem Punkt des Stillstandes.- Taichi

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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