Internet-Flatrates adé – Telekom will DSL drosseln und Netzneutralität aufheben

Die meisten von uns kennen die Drosselung vom Surfen im mobilen Internet. Je nach Mobilfunktarif haben Smartphone-Besitzer eine bestimmte Anzahl an Gigabyte an Datenvolumen frei. Wird diese Grenze überschritten, ist Schluss mit schnellem Surfen über UMTS bzw. HSDPA (3G) und die Internetverbindung läuft von da an zäh über Edge (E). Wie schnell diese Grenze selbst beim mobilen Surfen mit dem Smartphone erreicht werden kann, haben die meisten Unterwegs-Surfer sicherlich schon festgestellt. Ein paar E-Mails mit großen Dateianhängen abgerufen und noch ein oder zwei youTube-Videos geguckt, schon ist das Datenvolumen aufgebraucht und die Internetverbindung wird so langsam, dass das Surfen keinen Spaß mehr macht.

Und genau diese Drosselung soll Telekom-Kunden ab dem 2. Mai 2013 nun auch bei DSL-Anschlüssen blühen. Es wird also keine Flatrate mehr geben, sondern nur noch Internetzugänge mit einer Datenvolumen-Grenze.

„Genauso wie im Mobilfunk wird es künftig für neue Call&Surf- und Entertain-Verträge integrierte Highspeed-Volumina geben. Ist die Volumengrenze erreicht, sehen die Leistungsbeschreibungen eine einheitliche Reduzierung der Internetbandbreite auf 384 Kbit/s vor. […] Sobald die Limitierung technisch umgesetzt wird, können Kunden über Zubuchoptionen weiteres Hochgeschwindigkeits-Volumen hinzubuchen.“
(Quelle: Telekom)

Die geplanten Volumengrenzen:

Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 16 Mbit/s: 75 GB
Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Mbit/s: 200 GB
Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 100 Mbit/s: 300 GB
Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 200 Mbit/s: 400 GB

Das bedeutet, dass die Internetgeschwindigkeit mit Überschreitung der Datenvolumen-Grenze drastisch sinkt. Bei Anschlüssen mit bis zu 16.000 KBit/s (Geschwindigkeit des günstigsten Telekom-DSL-Tarifes „Call & Surf Basic„) wird das Internet 42 mal langsamer, wenn die Volumengrenze von 75 Gigabytes überschritten ist. 75 Gigabytes, das ist weniger als zehn Filme in HD an Datendurchsatz benötigen. Nach zehn HD-Filmen im Monat wäre also Schluss mit schnellem Internet.

So fühlt sich Surfen mit 384 Kbit/s an

Im Video wird die Webseite der Telekom mittels eines HTTP-Proxys, der die Bandbreite auf 364 kbit/s beschränkt, aufgerufen. Das erinnert stark an die 90er Jahre und Internet über Modem.

Der Digitale Gesellschaft e.V. kommentiert die Telekom-Tarifänderungen so:

“Bei einer Beschränkung auf weniger als 1% der Leistung eines 50-MBit-VDSL-Anschlusses auf ein Niveau der 1990er Jahre ist das Wort ‘Drossel’ falsch. De facto ist das eine Sperre und ein Ausschluss vom Internet.”

Telekom ebnet den Weg

Viele denken jetzt sicherlich: „Na und? Dann suche ich mir eben einen anderen Internet-Provider!“. Doch eines ist klar: geht der größte Internet-Provider Deutschland als erstes diesen Weg, wird es nicht lange dauern bis die anderen Provider folgen. Vodafone dementiert dies zwar derzeit auf Twitter, aber Vodafone formuliert klar, dass sie nur AKTUELL keine Pläne zu einer Drosselung haben. Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass Vodafone sich doch noch umentscheidet und demnächst auch ein Drossel-DSL einführt.

Angriff auf die Netzneutralität

Die Telekom hat allerdings nicht nur vor, das Internet zu drosseln, sie gehen noch einen Schritt weiter. Die Drosselung soll nämlich nicht alle Internetdienste betreffen! Ihren eigenen Videodienst „Entertain“ will die Telekom zum Beispiel nicht drosseln, selbst wenn das Datenvolumen für den Monat verbraucht ist. Im Gegensatz zu Internet-Diensten, die nicht zur Telekom gehören, wie beispielsweise Apple oder Amazon, die sehr wohl gedrosselt werden sollen. Stoßen Telekom-Kunden an ihre Volumen-Obergrenze, sind Dienste, wie z.B. iTunes Filme-Ausleihen, dann nicht mehr nutzbar und nur nach einer Zusatzzahlung an die Telekom wieder funktionsfähig.

Das bedeutet, dass die Telekom vor hat, die eigenen Internet-Seiten und Dienste gegenüber Seiten und Diensten von Fremdanbietern zu bevorzugen.

Es ist nicht neu, dass Provider bestimmte Dienste bevorzugen, drosseln oder sperren. Bestes Beispiel für dieses Geschäftsgebaren sind VoIP-Anwendungen wie Skype, die in vielen Mobilfunknetzen bereits heute bewusst geblockt werden, weil die Telekommunikationsanbieter selber Geld mit Telefonaten verdienen wollen. In den AGBs von Vodafone und T-Mobile sind Peer-to-Peer-Anwendungen tatsächlich häufig verboten und sie werden teilweise künstlich verlangsamt oder gänzlich blockiert, damit die Kunden zum Beispiel kein Skype mehr nutzen können.

Netzneutralität ist wichtig. Es darf nicht sein, dass Provider wie die Telekom Ihren Kunden vorschreiben, welche Internetseiten und -dienste benutzt werden können. Die Internetsurfer müssen frei bestimmen können, wie sie das Internet nutzen möchten, auf welchen Seiten sie surfen und welche Online-Dienste sie benutzen wollen.

Wir brauchen ein offenes, wir brauchen ein echtes Netz!

„Und das Stichwort Netzneutralität ist für uns sehr wichtig. Jeder Nutzer, egal was er verdient, welchen Bildungsgrad er hat, soll die Möglichkeit haben, den gleichen Zugang zum Internet zu bekommen. Es darf kein Internet erster und zweiter Klasse geben.“

(Bundeskanzlerin Angela Merkel)

Blick in die Datenpakete

Netzbetreiber verfügen heutzutage über moderne Technologien, mit denen es möglich ist in Echtzeit in den Datenverkehr hineinschauen. Zu diesen Technologien gehört auch die „Deep Packet Inspection“ (DPI). Die Provider sind durch diese Technologie in der Lage zu sehen, welche konkreten Inhalte über ihre Infrastruktur übertragen werden und haben dadurch die Möglichkeit, diese Inhalte in Echtzeit zu manipulieren, umzuleiten oder sogar ganz zu unterdrücken.

Was bedeutet das? Stellen wir uns den Provider als Postfiliale vor. Kernaufgabe des Providers ist es, die ungeöffneten (!) Briefe und Pakte anhand der Adresse richtig zuzustellen. Die Anwendung von Techniken wie DPI bedeutet aber, dass alle Briefe und Pakete von der Post nun einfach geöffnet und gelesen werden. Je nachdem welcher Inhalt im Brief oder Paket vorgefunden wird, wird die Zustellung nun künstlich verlangsamt.

Wir würden uns eine solche Vorgehensweise von der Post nie bieten lassen. Warum sollten wir es einem Provider wie der Telekom durchgehen lassen?

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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2 Antworten

  1. fap sagt:

    Vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Nun weiß ich auch endlich genaueres und kann mitreden 😉
    Meine größte Angst ist ja das andere Anbieter genau das selbe machen wie die Telekom und wir bald alle gezwungener maßen mit Steinzeit-Geschwindigkeit surfen müssen.
    Aber so wie Kunden, Medien und sogar Politik nun Druck machen (Quelle) denke ich nicht das die Telekom damit durchkommt…

  2. Jens sagt:

    So weit ich weiß, wurde die Drosselung nur ausgesetzt, aber ist noch nicht komplett vom Tisch. Man kann nur hoffen, dass andere Anbieter nicht auch auf solche Ideen kommen, insbesondere wenn 4k Material verstärkt zum Download verfügbar sein wird. Selbst beim 4k Streamen hätte man sonst schon riesige Probleme aufgrund der Datenmenge.

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