Schwul oder nicht schwul – Ist das die Frage?

Gay (Foto: Inferkiss/Flickr)

Bild: Inferkiss/Flickr

Zeit mit meinem besten Freund zu verbringen gehört zu den Bereichen meines Lebens, die mir sehr wichtig sind und die mich ausgeglichen und glücklich machen. Mit ihm kann ich lachen und Spaß haben, ihm aber auch meinen Kummer und meine kleinen Alltagssorgen anvertrauen. Ich liebe es mit ihm auszugehen, zu tanzen und Blödsinn zu machen. Aber auch Gespräche über das Geschäft, über politische und gesellschaftliche Themen oder über den Sinn des Lebens kann ich mit ihm führen.

Mein bester Freund und ich liegen ganz einfach auf einer Wellenlänge. Er ist ein Freund mit dem man Pferde stehlen kann. Zudem kann er hervorragend kochen und weiss stets wie er mich zum lachen bringt. Er ist offen, lustig, loyal und intelligent. Und er ist schwul.

Als ich meinen besten Freund kennenlernte, wusste ich bereits, dass er auf Männer steht. Das war keine Information, die für mich besonders wichtig war oder mich irgendwie beschäftigte. Wieso sollte das für mich auch eine Rolle spielen, schließlich war und bin ich nicht in ihn verliebt.

Schwul zu sein ist in meinen Augen nichts außergewöhnliches oder schockierendes, mein bester Freund ist ja nun auch nicht der erste und einzige Mensch unter der Sonne, der homosexuell ist. Gleichgeschlechtliche Liebe gibt es schon so lange wie es die Menschheit gibt und es wird sie auch immer geben. Und so gab es für mich auch überhaupt keinen Grund über die Homosexualität meines besten Freundes weiter nachzudenken. Ich konnte mir damals wirklich nicht vorstellen, dass dies in irgendeiner Weise eine Rolle in unserer Freundschaft spielen könnte.

Leider musste ich schon bald feststellen, dass seine sexuelle Orientierung sehr wohl ein Thema in unserer Freundschaft ist. Damals ahnte ich noch nicht, wie unsere Freundschaft und unsere gemeinsamen Erlebnisse meine Sicht auf die Welt verändern würde.

Fag Hag (Bild: dotpolka/Flickr)

Bild: dotpolka/Flickr

Wie ich zur Fag Hag wurde

Es ist ein eigenartiges Gefühl festzustellen, dass eigene Ansichten und Eindrücke, die man vor Jahren bekommen und gesammelt hat, so trügerisch und verkehrt sein können. Ich war wirklich so naiv zu glauben, dass es heutzutage keinen großen Unterschied macht, als hetero- oder homosexueller Mensch in unserer Gesellschaft zu leben.

Mitzuerleben, welche Erfahrungen ein homosexueller Mann täglich macht, der mir so nahe steht, hat wirklich sehr gemischte, aber vor allem tiefgehende Gefühle bei mir ausgelöst.

In Bars und Clubs, die vermehrt von homosexuellen Gästen besucht werden und in die mein bester Freund und ich ab und zu gemeinsam gehen, war ich die „Fag Hag“ (engl.: Schwuppen-Weib). So wird die beste Freundin eines Schwulen genannt und es klingt wesentlich abwertender als es tatsächlich gemeint ist. Es war für mich überraschend, dass es ein eigenes Wort für die beste Freundin eines Schwulen gibt und – ehrlich – es amüsierte mich. In schwulenfreundlichen Locations fühle ich mich bis heute wohl. Und auch wenn sich bei den schwulen Jungs die Begeisterung für die weiblichen Clubbesucher natürlich in Grenzen hält, habe ich niemals schlechte Erfahrungen dort gemacht. Im Gegenteil, ich hatte schon jede Menge Spaß und gute Gespräche in solchen Clubs! Nur mit dem Flirten ist es so eine Sache, denn die flirtwilligen Heterojungs sind dort verständlicherweise rar gesät.

Bist Du schwul oder was?

Anders sieht es aus, wenn wir in Diskotheken und Clubs unterwegs sind, die sich nicht explizit auf schwules Publikum eingestellt haben. Es ist kaum zu glauben, aber ich habe bisher keinen Abend mit meinem besten Freund erlebt, an dem er in einem Hetero-Club nicht auf homophobe Menschen gestoßen ist, die ihn beleidigt oder ihm sogar Gewalt angedroht haben. Ihr glaubt nun sicher, dass mein Freund provoziert hätte, den Jungs auf den Po gehauen oder sie mit einem billigen Anmachspruch gereizt hätte. Weit gefehlt! Es reicht als schwuler Mann vollkommen aus einen heterosexuellen Mann neutral anzusehen oder ihm ein „Hallo!“ zuzuwerfen. Es ist immer ein Schwulenhasser dabei, der sofort die Fäuste ballt oder extrem beleidigend wird.

In mehreren Situationen habe ich mich schon vor solche homophoben Idioten gestellt und mein Gesicht vor ihre geballte Faust gehalten. Diese Kerle sind zwar schnell bereit einem schwulen Mann eine zu verpassen, bei einer Frau sinkt die Gewaltbereitschaft glücklicherweise aber schnell wieder ab, zumindest in der Öffentlichkeit. So konnte ich schon den ein oder anderen Angriff abwehren, aber mulmig war mir schon zumute. Schließlich habe ich keine Garantie nicht doch mal etwas abzubekommen.

„Wie leicht doch bildet man sich eine falsche Meinung, geblendet von dem Glanz der äußeren Erscheinung.“
(Molière, frz. Dichter, 1622-1673)

Meistens verlassen mein bester Freund und ich solche Clubs recht schnell. Er will nicht, dass ich in solchen Situationen dazwischen gehe und predigt mir dann, dass es besser ist solche Leute zu ignorieren und einfach wegzugehen. „Wenn das nur immer so einfach wäre!“, verteidige ich mich dann stets und stemme selbstbewusst meine Arme in die Seite. Kurz darauf muss mein Freund mich dann aber trösten, weil ich diesen unbegründeten Hass und die lodernde Gewalt so erschreckend und furchtbar finde. Wenn ich dann vollkommen außer mir bin, sagt er mir jedes Mal, ich solle mir das nicht so zu Herzen nehmen, solche Reaktionen seien für ihn „ganz normal“. „Daran musst Du Dich gewöhnen!“, ist dann stets sein Appell an mich. Doch spätestens nach diesem letzten Satz kann ich meine Tränen in der Regel nicht mehr zurückhalten.

„Frieden kann nicht erzwungen werden; er wird nur durch Verständnis erreicht.“
(Albert Einstein, deutscher Physiker, 1879-1955)

In welcher Welt leben wir, dass mein bester, schwuler Freund es als normal bezeichnet so aggressiv angegangen und beleidigt zu werden, nur weil er auf Männer steht? Ich kann und werde mich nicht daran gewöhnen! Ich will mich daran nicht gewöhnen! Und zu wissen, dass er in seinem Leben von Homophobikern schon mehrfach verprügelt und gedemütigt worden ist, und das als normal empfindet, macht mich nicht nur tief traurig, sondern auch unglaublich wütend.

Talk (Bild: AnyaLogic/Flickr)

Bild: AnyaLogic/Flickr

Fragen über Fragen

Sehr beeindruckend sind auch immer die Fragen, die mir zu meinem besten Freund gestellt werden. Manchmal kommt es mir so vor als sei er ein Zirkuspferd oder possierliches Tierchen, das neugierig bestaunt wird und zudem man ganz viel wissen will, um dann „Ohhh!“ und „Ahhh“ zu rufen. Ganz ehrlich, ich finde eine solche Reaktion auch nicht sehr viel besser als die eines aggressiven, Fäuste schwingenden Homophobikers.

Aber am besten sind die Fragen, die mir zum Großteil von anderen Frauen zu meinem schwulen besten Freund gestellt werden. Um Euch einen Eindruck zu vermitteln, habe ich eine Top3 für Euch.

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1. War Dein Freund nicht ganz früher auch einmal mit einer Frau zusammen? Hast Du denn noch nie versucht ihn ‚umzudrehen‘?

2. Ist das der Lebensgefährte Deines schwulen Freundes? Wer ist denn bei den beiden der Mann und wer die Frau?

3. Das muss bestimmt sooo cool sein mit einem Schwulen befreundet zu sein, oder nicht? Wie ist das denn so?

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Und da heißt es immer, es gäbe keine blöden Fragen!

Um das ein für alle Mal klarzustellen: nein, homosexuelle Menschen lassen sich nicht ‚umdrehen‘! Alleine die Frage oder Idee finde ich schon abstrus. Mein schwuler Freund fragt heterosexuelle Leute doch auch nicht, ob sie sie nicht lieber gleichgeschlechtlich lieben und leben wollen! Das sucht man sich doch nicht aus, man/frau ist was man/frau ist! Und mein Freund steht auf Männer und nicht auf Frauen. Das ist so und wird auch immer so bleiben. Ich käme nie auf die Idee ihn ‚umdrehen‘ zu wollen und könnte es natürlich auch nicht.

Genauso nervig ist die Frage, wer in einer schwulen Beziehung die Frau und wer der Mann ist. Wie ist denn das gemeint? Will die Fragestellerin von mir wissen wer von den beiden die Hausarbeit macht und wer die Handwerksarbeiten? Dann kann ich nur sagen, dass die Gute ein wirklich verstaubtes Bild von der Rolle der Geschlechter hat. Oder bezieht sich die Frage auf den Sex? Will sie tatsächlich von mir wissen, wer seinen Popo hinhält? Dann finde ich die Frage definitiv zu intim und indiskret und würde sie aus diesem Grund schon gar nicht beantworten.

Sehr irritierend ist es für mich auch immer, wenn Frauen dieses Glänzen in den Augen bekommen und es so unheimlich „cool“ finden, mit einem schwulen Mann befreundet zu sein. Ich bin mit meinem Freund nicht befreundet, weil er schwul ist, sondern weil er so ein wunderbarer Mensch ist mit dem ich mich fantastisch verstehe. Ich suche mir Freunde doch nicht nach ihrer sexuellen Orientierung aus!!! Ich befürchte, die Mädels, die mich so etwas fragen, haben ein echtes Klischee vor Augen: der schwule beste Freund der sie á la „Sex and the City“ begeistert beim Shopping begleitet und sie über Liebeskummer hinweg tröstet. Dabei fällt mir ein: ich war mit meinem schwulen Freund noch nie Shoppen! Wie konnte das nur passieren?

Geh mir nicht an den Hintern!

Ein echtes Phänomen sind auch die heterosexuellen Männer, die sich von einem Schwulen stets bedroht fühlen und auf einen möglichst großen Abstand achten.

„Ich habe kein Problem mit Dir, aber geh mir nicht an meinen Hintern! Ok?“

Was glauben solche Männer? Denken sie wirklich, dass schwule Jungs auf jeden Mann draufspringen, der an ihnen vorbeiläuft, um sie zu begatten? Erstens sind Schwule keine Sexmonster und Vergewaltiger und zweitens gefällt ihnen auch nicht jedes Exemplar der Spezies Mann!

Umarmung (Bild: Roberto Taddeo/Flickr)

Bild: Roberto Taddeo/Flickr

Die Hete und der Homo

Ich kann nicht abstreiten, dass die sexuelle Orientierung meines besten Freundes eine Rolle in unserer Freundschaft spielt. Das liegt aber nicht an uns, an ihm oder mir, sondern an den Mitmenschen um uns herum. Es sind nicht nur die extremen Homophobiker, die gewaltbereit sind und Homosexuellen mit Sprüchen und Schimpfwörtern begegnen, die meistens weit unter die Gürtellinie gehen. Es sind auch die eigenartigen Reaktionen von Menschen, die sich selbst wahrscheinlich für absolut tolerant gegenüber Homosexuellen halten, an deren Akzeptanz und Toleranz ich aber zuweilen zweifle.

Ich habe mich in den letzten Monaten sehr gut einfühlen können, wie es wohl sein mag schwul zu sein. Natürlich gelingt mir das als Frau und Nebenstehende nur bedingt und es war ein sehr kurzer und eingeschränkter Blick, den ich hinter den Vorhang werfen durfte. Doch dieser kleine Blick, den ich erhaschte, hat einen gewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen.

„Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“

Homosexuelle sind bis heute eine Minderheit, die selbst im vermeintlich liberalen und aufgeklärten Europa täglich diskriminiert wird. Meiner Erfahrung nach liegt eines der größten Probleme daran, dass die Kommunikation und der Austausch zwischen homo- und heterosexuellen Menschen viel zu zäh ist. Unwissenheit und Vorurteile auf beiden Seiten führen zu einem häufig sehr respektlosen Umgang miteinander. Ich wünsche mir von Herzen, dass sich das irgendwann ändert! Ich für meinen Teil werde auf jeden Fall nicht aufhören für mehr Respekt und Akzeptanz einzutreten: ob in einer Diskothek, beim Kaffee-Kränzchen mit Mädels oder auch als Besucher einer Gay Pride.

 

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Katharina Kokoska

Bloggerin von Frisch-gebloggt.de // iNerd // Bloggerin, Texterin, Web Consultant und Internet-Poweruser // Bücherwurm und leidenschaftliche Hobbyfotografin // Nach-Gran-Canaria-Ausgewanderte

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7 Antworten

  1. Linda sagt:

    Hallo Katharina,

    ich finde es sehr gut und mutig wie du über das Thema berichtest!

    Wer gibt uns das Recht, Menschen die wir nicht kennen zu verurteilen? Wer gibt uns das Recht Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, oder mit zu Gewalt zu bedrohen? Keiner! Das Homosexuelle Heiraten dürfen und seit neusten in Deutschland steuerlich gleichberechtigt sind, ist schon ein großer Schritt (das hat hier für viele Diskussionen gesorgt, die ich nicht nachvollziehen konnte). Aber leider ist das immer noch zu wenig!!!

    Wirft man einen Blick auf Ost Europa, oder andere Teile der Welt sieht das anders aus.Ebenso gibt es immer noch skeptische Gesichtsauszüge wenn ein Pärchen über die Straße geht.
    Warum??? Es geht doch darum das sich zwei Menschen lieben! Sie lieben sich und das ist das einzige was zählt!

    Und auch die Erfahrungen als Freunde zeigen ja, dass wir noch einen Schritt weiter müssen. Die Toleranz ist leider immer noch sehr begrenzt. Warum brauchen wir Bars die seines gleichen suchen müssen? Können wir nicht einfach alle zusammen feiern und Spaß haben? Wenn jeder mal in sich geht, ist doch wirklich der Charakter was zählt und einem sympathisch ist oder nicht. Alles andere ist doch unwichtig! Warum sollen wir uns einschränken, wenn man sich doch gut versteht? Warum sollen wir uns trennen müssen, wenn doch die Sympathie stimmt?

    Den Ausdruck „Fag Hag“ kannte ich auch noch nicht ..klingt sehr englisch 🙂

    Dein Bericht ist sehr ehrlich und zeigt genau das ihr es völlig richtig erkannt habt und lebt! Ihr hab Spaß zusammen, seit auf einer Wellenlänge und lasst euch das nicht nehmen. Mit Diskriminierung umzugehen kostet viel Kraft und Schmerz. Das ihr da so drüber steht zeigt die wahre Freundschaft!! Das ist die Toleranz und Offenheit die jeder mit sich bringen sollte!

    Ich wünsche mir genau wie du, dass sich die Einstellung der „ Deppen“ und die Intoleranz sich bald ändert.

    Bleibt so wie ihr seit und haltet an euch fest 🙂
    Viele liebe und Beste Grüße

    • Liebe Linda, danke für Deinen Kommentar! Wie Du schon sagst, es geht darum, dass zwei Menschen sich lieben.
      Liebe sollte in unser aller Leben einen größeren Platz einnehmen, dann hätten wir nicht so viel mit Intoleranz und Gewalt zu kämpfen!

      „Man kann ohne Liebe Holz hacken, Ziegel formen, Eisen schmieden. Aber man kann nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“
      Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi

  2. Hier zur Ergänzung meinen Facebook Kommentar:

    Ich war erst total buff, berührt, sprachlos, beeindruckt, erschüttert – Danke für den Artikel und last UNS endlich damit aufhören, Menschen durch die Brille des Normalos zu sehen. Niemand ist Behindert oder falsch oder fremd oder anders gläubig oder was weiß ich noch alles. JEDER wirklich JEDER ist etwas Besonderes und er ist anders und er ist liebenswert und so sollten wir ihn behandeln, da auch wir so behandelt werden wollen. Stehen wir doch alle zu unserer Besonderheit und Andersartigkeit – von vielleicht 10 Milliarden Menschen die diese Welt seit gedenken bevölkert haben, ist keiner so wie ich oder wie du. Wie können wir nur glauben, das wir Menschen in Schubladen stecken können!

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